23
Sep

Von der Gelassenheit und was ich von einem Gletscher gelernt habe

Man könnte meinen wir müssen alle Kämpfer sein, heutzutage. Wirklich lange, eigentlich bis vor Kurzem hatte ich wahnsinnige Schwierigkeiten mit dem Begriff „Kämpfen“. Wenn du etwas willst, musst du dafür kämpfen. Mir war der Begriff zu aggressiv, zu belastet. Ja, ich habe ihn verleugnet und dennoch gekämpft. Nämlich in meinem Unterbewusstsein und gerne nachts. Kämpfen war für mich gleich: das Leben ist dein Feind und hinter jeder Tür lauert eine Gefahr die mich vernichten will. Davon können meine Zähne ein Lied singen. Oft wache ich auf und fühle mich, als hätte ich die ganze Nacht Steine gemahlen. Und so unrecht habe ich damit ja gar nicht. Ich alte, Zähneknirscherin. Also kämpfe ich dagegen an. Im wahrsten Sinne des Wortes: Verbissen. Aber solange wir nur an der Oberfläche kratzen, nur die Symptome anschauen, ändert sich nichts.

Mich erstaunt immer wieder, wie schnell wir Menschen uns abspeisen lassen von Oberflächlichkeiten, uns zufrieden geben mit flüchtigen Antworten, schnell recherchierten Fakten. Weil es bequem ist? Weil wir es glauben wollen? Weil in die Tiefe gehen zu anstrengend geworden ist?

Sich Zeit nehmen. Die Dinge genauer anschauen, der Situation die Möglichkeit geben, doch noch eine erzählerische Wendung zu entfalten. Das Dilemma ist dabei doch: Wir sind wohl das einzige Tier auf dem Planeten, das weiß, dass es in sein (persönliches und allgemeines) Dilemma läuft und trotzdem nichts ändert. Fünf vor zwölf und so. Fangen wir klein an, bei uns. Fange ich bei mir an, jetzt. Hand aufs Herz. Mir ist der Informationsfluss tatsächlich oft zu viel, ich möchte alles und so viel wie möglich aufsaugen, verstehen, erfahren, begreifen, mit allen Sinnen erleben, die Welt, meine Welt verstehen. Die Lösung auf die Frage: Erklärst du mir die Welt? selbst finden. Irgendwo in mir drin, da wo alle Stimmen von außen versiegen und keine Beeinflussung mehr statt findet sondern Ruhe herrscht, angenehme Stille, so wie im Auge des Orkans, oder: Im Tal des Gletschers.


Heute war ich in 6 Minuten von 2.011 m auf 3.212 m von Kurzras im Schnalstal auf die Grawand mit der Schnalstaler Gletscherbahn. Das schon allein ist das Erlebnis wert. Wenn man unten ist, will man hoch hinaus, nach oben, den Gipfel sehen, man hofft, dass die Wolken sich lichten und dann, ja, da ist die Spitze, das Gletscherhotel, die Panoramaterrasse und plötzlich und unerwartet wird mir bewusst, dass da ja noch was dahinter ist. Immer dieser eingepferchte Gedankenblick von uns Berglern, die die meiste Zeit im Tal verbringen. Es ist nicht der Blick wie aus dem Flugzeugfenster, wenn man die Alpen überfliegt, nein, sondern der, mittendrin und doch mit gehörigem Abstand zu allem. Einen Schritt zurück machen, einmal durchatmen und sehen, dass sich hinter dem Gipfel die eigentliche Pracht verbirgt. Ein „Gletschertal“ aus Felsengeröll, schneebedeckten 3.300ern aufwärts und eben dieser Stille, nein, das ist nicht das richtige Wort. Ruhe. Nein. Da ist Frieden. Ja, Frieden lag über diesem unerschlossenen „Tal“, fern von Skipisten und Liftgedöhns. Naja, unerschlossen ist jetzt etwas zu romantisch verklärt, schließlich wurde hier vor genau 25 „unser“ Ötzi gefunden und die Gegend natürlich durchforstet und rund um den Zugehörigkeiststreit der 5.300 Jahre alten Gletschermumie neu vermessen. Auch das wuselige treiben des Filmteams um „Iceman“ Regisseur Felix Randau und Neo-Ötzi Jürgen Vogel, die gerade hier oben „den Ötzifilm“ drehen, konnte den Frieden nicht stören. Dieser Frieden, diese Luft ist archaisch, einfach da. Bähm, die Berge. Nichts weiter. Manchmal ist es so einfach. Ganz ruhig und ehrfürchtig sind wir geworden da oben. Ein Zauber lag in der Luft, ein magischer Moment, wenn man den Gipfeln fast auf Augenhöhe begegnet. Natürlich nur gefühlt. Von mir kleinem, unbedeutenden Menschenwesen.


Unbedeutend? Nein, im Angesicht dieser Perfektion hier oben wird mir bewusst, ein kleiner Teil des großen Ganzen zu sein. . Da lag bis vor kurzem (was sind schon 25 Jährchen im Angesicht von 5.300) unentdeckt ein Mensch aus ferner Zeit im Eis und wir sind auch nur ein Wimpernschlag, nehmen uns so wichtig, wir jetzt, unsere Menschheitsbevölkerung. Wir 7 Milliärdchen. Dabei sind wird ein Teil des Ganzen, des Prozesses.

Heute reagiere ich nicht mehr verkrampft, wenn mein Freund sagt, man müsse sich die Dinge erkämpfen und „Gas geben!“ Ich weiß, dass alles Ansichtssache ist. Wir haben immer die Wahl in der Situation gefangen zu sein, gefesselt in unseren Emotionen, nicht mehr Herr/Frau unserer nächsten Schritte zu sein oder wir machen innerlich und vielleicht auch räumlich einen Schritt zurück. Erst mal durchatmen. Liest sich so einfach, ich weiß. Ist aber verdammt schwer, ich weiß.

Nunmehr beame ich mich auf den Gletscher zurück und weiß, ich trage die Gelassenheit in mir, den ersten Schritt zu innerem Frieden. Als wesentlichen Knackpunkt der Situation empfinde ich im Nachhall, dass es so einfach war zu diesem Gletschertal des Friedens zu gelangen, ich musste mich nicht 5 Stunden der Aufstieg mühsam erkämpfen, ich wurde hinauf getragen und wurde dennoch belohnt. Ich schließe die Augen und sehe das Gletschertal vor mir. Eine kleine selbst geführte Meditation. Sie wirkt. Ich bin da, spüre meinen Atem, die klare, pure Luft und weiß, wenn ich abends vor dem zu Bett gehen meine neue Knirscherschiene einlege, ist es mehr ein Schutz, ein entlasten meines schon abgenutzten Kiefergelenks. Die Ursache beklopfe ich jetzt mit Fingern und dem Satz: „Ich habe ein Problem mit meinem Kiefergelenk, das kann sich ändern…“

Es ist ein erster Schritt, unsere Probleme anzuerkennen, aber die Möglichkeit des Prozesses in den Raum zu stellen. Ich muss gar nicht mehr aggressiv werden, denn am Ende richtet sich die Reaktion immer gegen mich selbst und das kann ich liebevoll vermeiden. Gletschergelassenheit.

Sei gut zu dir und #inspirebeinspired

Lissy, gletscherfee 😉

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