7
Sep

Ich kündige…

hiermit den Start meiner Kolumne an. Und:“ Ich kündige der Stadt!“ 2014 verließ ich nach 11 Jahren die Stadt und kehrte in meine Heimat zurück. Die Stadt heißt Berlin und meine Heimat ist Südtirol. Ob ich die Stadt nicht vermisse, die bittersüße Versuchung einer Möglichkeit, die Anonymität, die Qual der Wahl an Kulturangeboten, die Clubs, das Flair und überhaupt…

Nein, das alles hatte ich. Vieles davon habe ich gekostet, einiges ausprobiert und wohl genauso viel ausgelassen- bewusst. Was ich vermisse sind meine Freunde, die zu meiner zweiten Familie geworden sind. Ich habe von einer Liebesfernbeziehung zu einer Freundesfernbeziehung gewechselt, damals nannte ich mich Waldstadtfee. Dass Wald schon immer an erster Stelle stand hätte mich also nicht verwundern müssen, denn ich habe mich dann schlussendlich doch für den feuchten Holzmoosduft der Wälder, das 360 Grad Wasser und die faszinierenden Berge entschieden. Obwohl ich das früher nie für möglich gehalten hätte.

Der Mann, in den ich mich am Telefon über die Alpen und ganz Deutschland hinweg verliebte, zeigte mir den Weg zurück in mein Herz und zur Heimat. Wurzelerkundung.
Hier bin ich nun, immer noch verliebt, mitten unter und in den Bergen und übe mich darin, mein Herz weit werden zu lassen, auch wenn die Geschehnisse der Welt es zu oft zusammen drücken und auspressen wollen.

Vor einiger Zeit habe ich bei einem Vortrag auf Youtube gehört, dass „wir nicht auf der Welt sind um geliebt zu werden, sondern um die Grenzen unserer Liebe zu sprengen“. Daran habe ich auch heute morgen wieder gedacht, nein nicht gedacht, ich habe es gespürt, wenn ich meine Waldrunde laufe und auf das sich vor mir öffnende Tal hinunterschaue und in meinem Herzen Dankbarkeit spüre.

Schon seit ich weg bin aus der Stadt, verspreche ich, zu Besuch zu kommen. Aber ich will keine Stippvisite machen. Wie soll man 11 Jahre Menschen, Orte, Freunde, Lieblingsrestaurants in ein paar Tage oder auch eine gute Woche quetschen? Und diese oft einsame Zeit, wird mir gerade bewusst, in meiner kleinen Einzimmerwohnung in Kreuzberg, wird wohl nie mehr wieder kommen. Ich habe sie geliebt seinerzeit. Radiotalkshow oder Hörspiele hören und einen typisch verregneten, grauen Berliner Sonntagnachmittag verschwenden, vertrödeln. Allein in meiner Wohnung. Und am Abend, als dann das Telefon klingelte und mein mir immer vertraut werdender Mensch am anderen Ende der Leitung endlich Hallo sagt, bemerkte ich, dass ich den ganzen Tag noch kein Wort gesprochen hatte und meine Stimme musste sich erst wieder ihren Sitz suchen.

Nein, ich vermisse die Stadt nicht. Ich werde meine Kündigung nicht zurück ziehen. Ich habe keinen Koffer in Berlin, wie Marlene Dietrich,  sondern einen ganzen Teil meines Lebens. Aber die Herzmuskeln sind ja bekanntlich dehnbar…
#inspirebeinspired

Eure Waldstadtfee Lissy

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