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Okt

Kochen ist Leben : Essen ist Liebe

So weit, so gut. Das ist erstmal eine Ansage, ich weiß. Zu diesem Artikel wurde ich durch diverse Foodblogs und vor allem durch das Buch „The Kitchen“ des Künstlers Olafur Eliasson inspiriert. Und natürlich durch das heutige Erntedankfest.

Ich liebe es inspiriert zu werden, auch auf die Gefahr hin, dass ich dann nachts aufwache und meine Ideenfabrik im Kopf mich nicht wieder einschlafen lässt. Etwas, das mich eigentlich immer schon begleitet, und das nicht weil es uns alle aus augenscheinlichen Gründen begleitet, ist das Essen. Ich erinnere mich an die lange Ideenliste mit Gerichten die wir unserer Oma irgendwann als Großfamilie zusammengestellt haben, damit sie sich nicht immer fragen musste, was sie an jedem Freitag für uns 10 Personen kochen soll. Oder ich denke da an mein eigenes Booklet- hosentaschentauglich- welches ich mit unserem ersten Personalcomputer mit Tabellen und einem Grafikprogramm angefertigt habe und in dem ich akribisch alles notiert habe, was ich aß.

Viele Jahre und Essensexperimente später stehe ich dennoch oft ratlos vor dem Vorratsschrank und frage mich, was ich kochen soll. Worauf ich denn Lust habe. Denn ich wünsche mir eigentlich, dass mein Körper mit mir spricht. Und damit meine ich nicht, Gelüste oder „Unterzuckertes Essverlangen“ (da kann ich echt mies gelaunt sein), sondern, dass ich intuitiv weiß, was mein Körper braucht, gerade im Moment, jetzt, um jede Zelle zu nähren.

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Essen ist essentiell für mich, will heißen, ich achte darauf was ich esse und wie es verarbeitet wurde. Bevor es in meine Küche kommt oder ab dem Moment wo ich ein naturbelassenes Lebensmittel durch kochen oder Zubereitung verändere.

„Wenn wir kochen, nutzen wir die Welt und produzieren sie gleichzeitig. Beim Essen nehmen wir die Welt auf und bringen Licht in unseren Körper.“

schreibt Olafur Eliasson in seinem Buch über seine große Küche in der jeden Mittag für alle Mitarbeiter in seinem Studio in Berlin frisch gekocht wird.

Essen ist ein Energiekreislauf, wir nähren uns von der Erde, wir werden zu einem Teil von ihr, in dem wir die Welt in uns aufnehmen, im wahrsten Sinne des Wortes. Es geht um geben, nehmen und teilen. Ich finde, dass die Nahrung uns oft zu fremd geworden ist, heißt, sie ist so stark verarbeitet. Oder wir sind der Nahrung fremd geworden, da wir uns nur mehr selten wirklich mit ihr befassen.

Was ich nicht mag: Zerkochtes Essen (bis auf die Erinnerung an die Peperonata meiner Oma Ida, die naturgemäß lang gekocht werden musste. Aber heutzutage mag ich Peperoni (Paprika) eigentlich nur im rohen Naturzustand. Wahrscheinlich weil nix an die Peperonata meiner geliebten Oma herankommt.)

Was ich mag: Ich mag Rituale. Auch Essensrituale. Wenn man sich zusammenfindet und das Essen zelebriert. Eines dieser Rituale wiederholt sich jeden Herbst.

Ernte & Dank

Mein Vater ist Weinbauer. Naja, er spielt es manchmal als sein Hobby herab. Aber seit er seinen eigentlichen Beruf vor Jahren an den Nagel gehängt hat, um seine wohlverdiente Pension zu genießen, ist er eigentlich nur mehr draußen bei den Reben oder unten im Keller. Vollzeitjob. Meistens ganz alleine ohne Hilfe. Der Mann und die Reben. Kümmert sich um die Bestellung des Weingutes. Und tüftelt dann an seinen Kreationen in den Weinfässern herum. Jedes Jahr im September ruft er die Familie zur Weinernte zusammen und es ist ein wunderbares, fixes Ereignis im Familienerlebniskalender eines jeden Jahres. Das schöne daran finde ich, dass man den ganzen Tag zusammen in der Natur verbringt. Knurrt der Magen zwischendurch greift man einfach ins golden glänzende Glück und isst ein paar Chardonnay Trauben um einen Schub Traubenzucker zu bekommen. Dieses andere Beisammensein als sonst mit der Familie lässt mich oft an meine Vorfahren denken, die ebenfalls in diesen Weingütern aufgewachsen sind und hier zusammen gearbeitet haben. Immer zu zweit nimmt man sich eine Zeil (Reihe) vor, rechts und links davon schnibbelt man die Trauben in die Schafflen (Kiste). Durchs Blättergrün der Reben kann man sich wunderbar während des Wimmens (Weinlese) unterhalten. Neuigkeiten austauschen, aus seinem Leben erzählen, es geht so mancher Witz die Runde durch die Reihen.

Und dann die feste, unerschütterliche Essensordnung:

ca. 10:00 Uhr Holbmittog (wörtlich „halber Mittag“)

eine Jause mit frischem Brot am liebsten mit Kreuzkümmel, dem Südtiroler Vinschgerle oder seinem artverwandten etwas größerem und krokanterem Vorschlog, mit Speck, Käse, pflanzlichem Brotaufstrich und natürlich knackigen Essiggurken. Dieses Jahr sogar mit frisch geernteten Pomodorini (Cocktailtomaten) aus dem dem Weingut angrenzenden Garten. Von der Hand in den Mund sozusagen. Dazu vielleicht schon einen Weißen. Und zum Nachtisch dieses Jahr Mascarponecreme mit Pfirsichen und Löffelbisquit (die Machart inspiriert von Tiramisù, ein umgewandelter, fruchtiger), vegane Schoko-Nuss-Bites und natürlich Kaffee. Und zwar einen Gelb-Schworzn (Espresso mit Zabov-Eierlikör)

ca. 12:30 Uhr Mittog

das Mittagessen. Unter der Pergola wird wieder die lange Tavolata (bei uns der lange Tisch aus Bierbänken) aufgebaut und zusammen Plent mit Wurscht und Speck geschlemmt. Die Polenta, wir nennen sie kurz Plent/Plentn, wird im Kupferkessel über einem eigenen selbstgebauten Polentaofen über offenem Feuer gekocht. Darin brutzeln im Plentn auch die (Haus)würste und die dicken Speckscheiben. Dazu gibt’s supercremigen Gorgonzola Käse, verschiedene andere Käsesorten und ganz wichtig: Schoatlen (Grüner Bohnensalat) mit Zwiebelringen und Knoblauch. Ein Traum, da werde ich nervös wenn die Salatschüssel nicht neben meinem Teller steht (Fressneid!!) Und zweiter Pflichtsalat: Kobussalot (Weißer Krautsalat) mit Kümmelsamen. Und für den Veganen/Vegetarischen Teil der Familie, zu dem ersteren ich gehöre- gibt es Polenta zu Hause am Vortag vorgekocht (also weit weg von der Wurst-und-Speck-Polenta, da sind wir genau!) und zur Feier des Tages natürlich auf dem guten alten Ringeherd im Feld gebratene Tofuwürstchen.

Dazwischen wird natürlich immer fleißig das golden klebrig kostbare Gut gewimmt.

ca. 18:00 Marend  (Marende)

Abendbrot. Bis um 18:00 Uhr darf man der Kellerei die Trauben liefern. (in unserem Fall die Kellerei Kaltern, die neu fusionierte Kellerei aus Erste + Neue und der Kellerei Kaltern, die größte Kellerei Südtirols).

Der Bauer, also mein Vater, braucht große Reserven und Nerven aus Stahl, denn als wäre es nicht immer schon spannend genug, was die aktuelle Fuhre abliefert (wieviele Grad (Zuckergehalt), welche Bewertung (normal, gut, sehr gut), wie viele Zentner (jeder Bauer darf nur eine bestimmte Anzahl an Zentner anliefern aufgrund der Größe seines Grundstücks bezüglich der Qualitätsgewährleistung der Ware: Qualität vor Quantität)

Abends, nach getaner Arbeit, während der Bauer also noch in der endlosen Schlange von Traktoren zum Abladen vor der Kellerei wartet, gibt es für die fleißigen Wimmer (Erntehelfer aka die Familie) schon mal eine Brotzeit, ähnlich dem Holbmittog, aber mit dem wohlverdienten Feierabendbier.

Was nährt mich wirklich? Was brauche ich und was ist nur Gewohnheit? Ich koche im Gewahrsein mich zu nähren, meinem Körper gute Energie zuzuführen. Durch liebevolle und schonende Zubereitung der Lebens-Mittel koche ich leben. Durch das Essen begehe ich einen Akt der Liebe. Ich beschenke meinen Körper und ehre ihn mit guten Speisen.

Kochen bedeutet, im Fluss zu sein: die durchlässige Haut zwischen Körper, Pflanzen, Samen, Mikroorganismen, Mineralien, Sonne, Mond und Erde. Ein kontinuierlicher Prozess des Eingebundenseins in das, was wir essen-und was wir sind.

– Asako Iwama und Lauren Maurer in: „The Kitchen – Studio Olafur Eliasson, Knesebeck Verlag, 2016 –

Ganz in diesem Sinne: Sei gut zu Dir!
#inspireandbeinspired

Eure Lissy

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