27
Apr

Resilienz und Authentizität

Es ist ok. JETZT ist der Moment. Fokussieren, das ist richtig schwer. Das hat gar nicht so viel mit Konzentration zu tun, empfinde ich. Eher mit: Prioritäten setzen. Mich ernst nehmen in meinen Bedürfnissen. Mir überhaupt die Zeit zu geben meinen Bedürfnissen auf die Schliche zu kommen. Schließlich fragen wir uns wahrscheinlich höchst selten: „Na, du Liebe, was brauchst du jetzt? Was kann ich Dir gutes tun?“
Klingt kitschig? „Selbstliebe, dafür habe ich keine Zeit…“

Stopp.

Es gibt keinen wichtigeren Menschen als du selbst. Ist Fakt. Wie willst du für andere funktionieren, wenn du selbst ständig am Limit bist? Was ist wichtig in meinem Leben, wo und wie setze ich die Prioritäten?

Momentan ist richtig.
Momentan ist gut.
Nichts ist wirklich wichtig.
Nach der Ebbe kommt die Flut.
-Herbert Grönemyer | Mensch-

Die Ebbe der inneren Leere und die Flut und der Druck der Fülle der Außenwelt. Die Medien. Ja, sie können böse sein. Ersetzen „die Medien“ das Zwischenmenschliche? Können sie gar nicht. Ich merke wie umtriebig ich bin, oft fällt es mir schwer einem Gespräch in Ruhe zu folgen, Augenkontakt zu halten, einfach da sitzen und zuhören. Haben wir das zuhören verlernt?

Unsere Wahrnehmung verändert sich durch die digitale Welt. Die uns immer mehr einnimmt. Als Digital Native empfindet man die Versuchung gar nicht als solche, es sind Automatismen, die ablaufen, wenn wir zum Smartphone greifen, schnell was Googlen, schnell die Mails checken, was geht ab auf Instagram, FB & Co?

Manche machen inzwischen einen „Unplugged Sunday“ ohne Internet. Finde ich gut. Gut um sich bewusst zu werden. Zu verstehen, wie eingenommen wir sind vom digitalen Universum. Ich habe schon einmal einen Artikel zu diesem Thema verfasst. Den kannst du hier lesen.

Was ist echt in unserer Welt? Diese Zeilen schreibe ich auch nicht auf Papier, sie flimmern Dir auf dem Bildschirm entgegen…
Wo ist dann die echte Welt? Das ist doch jetzt unsere Welt und Zeit und Wahrnehmung. Wir müssen nur lernen mit Medien richtig umzugehen. So wie es politische Bildung gibt als Schulfach, wird es bald überall auch Medienbildung geben. Das Bundesministerium für Bildung Deutschland schreibt dazu auf seiner Seite: „Medienkompetenz ist eine Schlüsselkompetenz, die hilft, bessere Entscheidungen zu treffen. Wir brauchen Medienkompetenz, um fundiert zwischen verschiedenen Medien wählen zu können, um Inhalte und Informationen kritisch bewerten zu können und in vielfältigen Medien zu kommunizieren. Wir brauchen Medienkompetenz, um das Potenzial des Internets uneingeschränkt risiko- und medienkompetent zu nutzen.“

Ja, es gibt die Tage, da fühle ich mich erdrückt von den ganzen E-Mails die meinen Posteingangspeicher bei 94% Prozent rot aufleuchten lassen. Und da ein Post und da ein Tweet. Nein. Ich möchte jetzt einen Kuchen backen….
Und wo suche ich nach dem Rezept? Nicht etwa in einem meiner vielen Koch- und Backbücher, nein, ich google. Und ich vergleiche und gebe mich nicht mit dem erstbesten veganen Mohn-Käsekuchen Rezept zufrieden.

Die viel gepriesene Entschleunigung kann nicht einfach per Button-Click bestellt werden. Ein Nervensystem hat auch nach regelmäßigem Kaffeekonsum Entzugserscheinungen (probiere es mal aus, wenn du mir nicht glaubst.) Und so ist es klar, dass auch regelmäßiger Medienkonsum seine Spuren hinterlässt. Ganz klar. Also: Wie widerstandsfähig bin ich? Wie gut kann ich noch fokussieren? Meine Stimme hören unter all den vielen? Und die Zeit rast dahin, obwohl die Zeit eine Erfindung von uns Menschen ist und ein Hirngespinst. Und obwohl wir das in gewisser Weise wissen, können wir nicht darüber lachen. Nur müde darüber lächeln. Ja, ja, schon klar, die Zeit ist dehnbar und wir machen uns den ganzen Stress selbst.

In der Jänner-Ausgabe (2017) des Magazins „Terra Mater“ (ab Seite 21) gibt es einen Artikel über die Bewohner im Cilento, einem Gebiet in Kampanien in Süditalien, die bis ins hohe Alter vital und gesund bleiben. Gerade sind Wissenschaftler dabei zu forschen, woran das liegt. Solche Gebiete gibt es mehrere auf der Welt, man nennt sie die Blue Zones. Man untersucht die Genetik der Menschen und ihre Lebensumstände, ihr Sozialverhalten, ihre Aktivitäten und ihre Ernährung. Beim Lesen des Artikels wurde schnell klar, dass jeder der 94 bis 100 Jährigem Bewohner ein anderes „Rezept“ für sein hohes, gesundes Alter hat. Aber der Konsens, der zwischen den Zeilen heraus zu lesen war: Stress? Was ist das? Ahhh, dieses Wort. Wenn mich jemand fragt ob ich gestressssst bin oder ich sagen will, „Sorry, kam nicht dazu Dir zu antworten, ich hatte Stressssss, dann werde ich noch unruhiger und diese „s“, zischt in meinen Ohren.

„Work Life Balance“, wenn man ihnen zu erklären versuchte was das ist, sie würden wohl ungläubig dreinschauen. Fragezeichen im Gesicht haben.
Ich gehöre der „Generation Y“ an, im englischen y= Why-Warum? Das trifft es so gut, wirklich. Wir wollen uns mit einem Beruf verwirklichen, der uns Sinn gibt. Die Fischer im Cilento hatten wahrscheinlich meist keine Wahl, da ist man noch in die Fußstapfen getreten. Und sie scheinen glücklich zu sein. Lebendig, agil.

Wie krisensicher sind wir? Wie dick ist unsere Haut? Wenn man in der Natur, umgeben von Wäldern, Wiesen und Bergen aufwächst und das System dennoch irgendwann ins Stottern gerät, wird sich manch einer von Außen fragen:“Du hast doch alles. Sei zufrieden!“ Und dann denke ich, ich will mich nicht ablenken, um nicht nachzudenken, um das Grübeln auszuschalten. Nicht einfach irgendwas tun, das ich zufällig gut kann.

//Flashback zum Film „Center Stage“ aus dem Jahr 2000 (ja, ich liebe Tanzfilme). Dort tanzt eine Ballerina auf der Abschluss-Tanzgala die Debütrolle ihres Lebens in reiner Perfektion. Ihre Mutter ist voller stolz, denn sie hat es nie so weit gebracht, sie hat ihr Leben irgendwann der Familie geopfert und arbeitet jetzt im Direktionsbetrieb der American Ballet Academy. Und dann sagt die Tochter genau diesen Satz und lässt die Mutter im großen, leeren Foyer des Theaters damit alleine: “Ich will nicht etwas machen, das ich zufällig gut kann. Ich will etwas machen, das mich erfüllt.“//

Dieser digitale Kolumne sollte eine „Schreibübung“ für mich sein, Regelmäßigkeit bringen, mich trainieren, „meinem Sinn“ näher bringen- hui, da ist wohl das Leben dazwischengekommen. Lange gab es keinen neuen Beitrag. Erstmal überprüfen, die Lage sondieren. Macht mich das glücklich?
Wir kennen alle die Bilder von. M.C. Escher mit den sich wiederholenden, flächendeckenden Mustern. Anfang des Jahres gab es in der Stadtgalerie Brixen eine Ausstellung mit Drucken. Die Ausstellung hieß „Filling the void“. Und genau das ist die Frage, meine Frage, die ich jetzt an Dich stelle: Mit was füllst du die Leere?

Leere per se ist ja erstmal nicht schlecht. Denn das schafft Raum und Platz für Neues und Kreativität. Aber mit was füllst du Sie? In unserer allzuoft überfüllten Welt wird unsere Verletzlichkeit getestet. Reagierst du mit Trotz und „Kammer verriegeln – Schlüssel vergraben?“ Oder mit Standhaftigkeit, Geduld und Lernwille? Oder mit „hier hast du auch noch meine zweite Wange für eine Ohrfeige-komm trau dich, Welt!“

Was gibt es jenseits des für uns Wahrnehmbaren?

Ich will mich einfach mal mitten in die Mitte des Geschehens setzen und mein Eis essen, beobachten und unsichtbar sein. Genießen und fließen. Sein. Authentisch. Ein Freund von mir in seiner letzten E-Mail an mich über seine Kollegen auf der Arbeit: „Mir ist es wichtig zu sein, nicht, wichtig zu sein.“

In meinem Wahrnehmungsfeld gibt es jetzt auf jeden Fall erstmal ganz wahrnehmbaren veganen Mohn-Käsekuchen…

Und ja klar, hier ist das Rezept.

#vegancakelove

Alles Liebe, Lissy

1 Comment


Burger Monika

Hallo Lissy,
ein schönes und wichtiges Thema, das du hier behandelst. Auch das Bild mit dem Mädchen ist wunderbar gewählt und sehr passend, finde ich. Eine mutige kleine Dame mit eigenen Ideen inmitten der geschäftigen Welt: Und die Authentizität, eine sehr komplexe Geschichte… und ganz bestimmt einender wichtigsten Wörter in der heutigen Zeit. Vielleicht sind Kinder noch authentisch und werden es immer weniger, je größer und „verschubladeter“ sie werden. Es gibt so viele vermeintliche Abkürzungen zum „eigenen Ziel“ …. oder so ähnlich.
Auf jeden Fall werde ich mich demnächst an das vegane Mohnkuchenrezept heranpirschen und …
hoffen, dass du fleißig weiterschreibst…

Monika

2 Jahren ago  -   Reply

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